„Erzählt allen die Wahrheit !“


Nur noch unter Lebensgefahr möglich: Politische Aktivität von politisch Linken in der Ukraine

Konter-Exclusivinterview mit dem verfolgten ukrainischen Oppositionellen Segei Kirichuk
von David Dubjenko

In der Ostukkraine tobt ein unerbitterlicher Krieg. In Kiew herrscht ein Regime, dass mittels Putsch an die Macht gekommen ist und sich wesentlich auf faschistische Terrorbanden stützt. In unserem Medien wurde das Bild einer „bunten Bürgerrevolution“ verbreitet, obwohl jedem, der vor Ort war, klar wurde, dass auf dem Maidan schon früh rechtsradikale und faschistische Banden domierten. Oppositionelle, insbesondere Linke, sind ihres Lebens nicht mehr sicher. In Odessa steckten die Faschisten das Gewerkschaftshaus in Brand. 40 Menschen verbrannten bei lebendigen Leib. Nun hat Kiew wählen lassen. Gewonnen hat mit Poroschenko, ein milliardenschwerer Oligarch, der schon für so ziemlich jede politische Seite seine Fahne in den Wind gehängt hat. Schon unter Janukowitsch war er Minister. Es ist allerdings ohnehin eine Farce von freien Wahlen zu sprechen, wenn man weiß, dass es für Linke und andere Demokraten unmöglich war so etwas wie Wahlkampf zu führen. Wer sich in Kiew offen als solcher bekennt muss im günstigsten Fall damit rechnen beschimpft zu werden. Im schlimmsten Fall wird man verprügelt und gefoltert oder sogar ermordet.

Wie mag es wohl einem Mann gehen, der die zynischen Kommentare deutscher Politiker hört, die von einer „hoffnungsvollen, demokratischen Entwicklung“ schwadronieren und kritische Kommentare oft als russische Propaganda abtun. Um das genau zu erfahren , treffe mich mit Sergei Kirichuk, dem Koordinator der linken Gruppe Borotba, die in der Ukraine nun verfolgt wird. Der junge, kräftige Mann mit Bart spricht selbstbewusst und auch voller Zorn, wenn er von der dramatischen Entwicklung in seinem Heimatland berichtet. Gleichzeitig macht Kirichuk einen gezeichneten Eindruck, was wenig überrascht, wenn man sich seine harte Geschichte anhört.

Terror, Folter, Untergund

Auf dem Maidan allgegenwärtig: Portraits Ukrainischer Faschistenführer Stepan Andrijowytsch Bandera

Was ich zu hören bekomme, klingt nach dem Alltag eines Oppositionellen in einer autokratischen Dikatur. Von Folterungen ist die Rede, von Entführungsversuchen am helllichtem Tag, von konspirativen Wohnungen, in der sich Kirichuks Mitstreiter aufhalten müssen, die nichts getan haben, außer einen anderen Standpunkt als das bürgerlich-faschistische Regime eingenommen zu haben. „Der Vorsitzende unserer Bewegung steht auf der Todesliste der Faschisten!“ berichtet Kirichuk. „ Die Faschisten haben große Teile des Sichrheitsappareats der Ukraine übernommen. Da leuchtet es auf erschreckende Weise ein, dass die bekannten Mitglieder von Borotba erst nach Einbruch der Dunkelheit ihre geheimen Aufenthalstorte verlassen.“ so Kirichuck weiter. „Man lebt gefährlich wenn man sich in der Ukraine für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzt“ sagt er mit erregter Stimme.


Armateurvideo einer versuchten entführung von Linken aktivisten in Charkiw in der Ostukraine durch Faschistische Paramilitärs

Der Maidan- Karieristenrevolte und EU-Illusuionen

Darauf angesprochen, dass deutsche Politiker, z.B. von den Grünen der Bewegung auf dem Maidan genau diese Begriffe – Freiheit, Gerechtigkeit- zuordnen würden, reagiert der junge Regimegegner nur mit einem Kopfschütteln. „ Wir von Borotba haben die Bewegung auf dem Maidan von Anfang abgelehnt. Das ist eine Bewegung , die nie soziale Forderungen erhoben hat, sondern eher radikalen Individualismus und persönlichen Reichtum predigte. Auf dem Maidan demonstrierte die aufstrebende Mittelschicht, die Karriere machen will und sich sozial nach unten abgrenzt.“ Das Bild über die EU scheint auf dem Maidan voll von Illusionen zu sein. Kirichuk.dazu: „ Von denen halten viele die EU für das Paradies auf Erden. Die begreifen nicht, dass die EU uns gar nicht braucht und die soziale Situation sich hier eher verschlechtern würde“. In der Tat : schaut man sich die Pläne des IWF der EU und der Weltbank an, ist für die Ukraine eine soziale Entwicklung wie in Griechenland weitaus wahrscheinlicher. Doch davon scheinen die Pro-Maidan Aktivisten nichts wissen zu wollen. „Wenn man darauf hinweist, dass das Bild, das sich diese Leute von der EU machen , eine Illusion ist, wird man oft als Sowjetnostalgiker oder Mann Putins beschimpft“.

Die Ukraine als Spielball der Großmächte

Ich will wissen, wie er mit dem Vorwurf, eine Marionette Putins zu sein , umgeht . Sarkatisch sagt er: „ Wenn ich mein Hemd jetzt öffne , werden Sie dort kein Putin-Tatoo entdecken und ich besitze auch keinen russischen Agentenausweis.“ Der Borotba Koordinator fährt, nun deutlich ernsthafter, fort: „ Ich habe keinen Grund , für Putin Partei zu ergreifen. Russland verfolgt eigenen imperiale Interessen. Die Gesellschaft, für dich ich kämpfe, können wir nur selbst erkämpfen. Wir sollten nicht auf eine wohlwollende Großmacht warten“.
Vor einigen Wochen haben sich der US-Außenminister Kerry und sein russicher Amtskollege Lawrow getroffen um über die Ukriane zu beraten. „ Es ist typisch, dass hierzu kein ukrainischer Vertreter eingeladen wurde. Die behandeln uns wie einen Spielball“.

Das es gerade im Osten der Ukraine aber durchaus starke Sympathien für Putin gibt, wird von Kiruchik nicht geleugnet. Bei der schlimmen humanitären Situation und der prekären militärischen Lage, hoffen viele auf Russland. Ein russischer Militärschlag ist für einige offenbar die letzte Hoffnung, um den Vormarsch Kiews zu stoppen. „Die Menschen in der Ostukraine stehen einem Dreigestirn aus ukrainischer Armee, Privatarmeen der Oligarchen und den Einheiten der rechtsradikalen Kräften entgegen. Die Situation wird täglich dramatischer. Viele hoffen ,dass Putin die Sache für sie klären könnte. Doch die Stimmung kippt langsam“ so Kiruchik. Borotba, aber auch die KP der Ukraine, an der man Kritik habe, mit der man aber nun zusammenarbeite , auch weil sie ein Hauptziel des rechten Terrors sei, würden das Mögliche tun, um hier für eine vernünftige Position zu werben.

Was wäre wenn? Der Deutschlandvergleich

Kirutchik guckt auf seine Uhr. Er hat heute noch ein paar andere Gespräche vor sich.Der Borotba-Koordinator, der derzeit auf Deutschlandreise ist, zum einen weil er er Aufklärungsarbeit leisten will, zum anderen weil er nur noch unter Lebensgfahr zurückkehren könnte, wird von mir gefragt, wie er versucht , den Deutschen , die Situation in der Ukraine näher zu bringen. Er nennt ein Beispiel, dass er schon oft gebracht habe, weil es die Lage gut verdeutlichen würde: „Stellt euch vor, der r echte CDU-Flügel, die AFD und die NPD würden hier die Regierung stellen. Militante Nazibanden würden mit Waffen ausgestattet werden und in die Polizei integriert und könnten nun legal Terror gegen Linke, Gewerkschafter und andere Demokraten ausüben.“

Ich bedanke mich bei Sergei Kirichuk, für das Gespräch. Er drückt mir ungefähr 10 Sekunden die Hand und guckt mir fest in die Augen. Dann sagt er: „Es ist wichtig, dass ihr etwas gegen die Propaganda tut. Erzählt was bei uns wirklich los ist. Erzählt allen die Wahrheit!“


4 Antworten auf „„Erzählt allen die Wahrheit !““


  1. 1 Rudi christian 03. Juli 2014 um 16:09 Uhr

    Bewundere eure Arbeit und den Mut der Borotba-Genossen. Das Video jagt mir Schauer über den Rücken.Die Söldner des Schokoladen-Königs, der sie gestern erst ausgeraubt.
    Viel Erfolg mit eurer Webseite!

  2. 2 Gabi 05. Juli 2014 um 15:36 Uhr

    Wo ist die Pressefreiheit in Deutschland abgeblieben?

  3. 3 Jochen 15. Juli 2014 um 11:00 Uhr

    Hallo Herr Dubjenko (aus Odessa?)

    wenn die jetzige Regierung in Kiew durch einen Putsch an die Macht gekommen ist, dann wäre auch die Französische Revolutuion ein Putsch gewesen, denn auch dabei wurde die Herrschaft (Ludwig XVI) durch Gewalt vertrieben.

    Ein Vergleich der möglichen wirtschaftlichen Entwicklung der Ukraine bei einer Annäherung an die EU mit Griechenland erscheint mir lächerlich, denn die Ukraine hat noch nicht den EUR eingeführt. Was den Menschen, die solches ansteben, vorschwebt, ist wohl eher eine Entwicklung wie in Polen.
    Viele Güße von J.

  1. 1 Oppositionelle in der Ukraine | hubwen Pingback am 07. Juli 2014 um 20:58 Uhr
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