Feulliton

Fabian Lehr- Ein Porträt

Von Florian Knop

Fabian Lehr hat über 2100 Facebook-Freunde, seine viel gelikten Beiträge lösen regelmäßig kontroverse Diskussionen aus. Er dürfte derzeit der wohl bekannteste Facebook-Kommunist im deutschsprachigem Raum sein und so gut wie jeder, der sich online im Dunstkreis linker Organisationen bewegt, hat wahrscheinlich schon etwas von ihm gehört.

Jetzt steht Fabian Lehr aber in Fleisch und Blut vor mir, schwenkt einen roten Karl Marx-Jutebeutel mit dem Schriftzug der KPÖ-Steiermark und kommt schnell mit mir ins Gespräch während wir zu einer netten Kneipe in Eimsbüttel gehen.

Er ist nah an der Person dran, die ich vor Augen habe, wenn ich einen seiner faktenreichen, leicht ironischen und nicht selten provokanten Beiträge lese. Schon auf dem kurzen Weg präsentiert sich mir ein meinungsstarker Mann, der seine durchdachten Argumente konfrontativ ausspricht – ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Dabei geht es absolut nicht um sein Ego. Lehr will überzeugen. Er entlarvt Widersprüche und kann mit einem Fakten- und Datenmaterial aufwarten, das heutzutage nur selten bei jemanden zu finden ist, der nicht zeitgleich vom Smartphone abliest.
Ich aktiviere schnell die Aufnahmefunktion meines Smartphones. Sobald es an ist, spricht Lehr druckreif, ein bisschen so wie ich es von seinen Postings gewohnt bin.

Leben als Facebook-Kommunist – Fluch oder Segen?

Ich beschließe ihn gleich zu Beginn, mit seinem Onlinedaseins zu konfrontieren:
„Du verfügst über eine enorme Reichweite und einen gewissen Kultstatus. Für dich wurde sogar eine eigene satirische Meme-Seite erstellt. Auf deiner Seite entfalten sich Debatten und Kontroversen, die große Kreise ziehen. Gleichzeitig scheint sich mir das Ganze nur in einer gewissen linken Blase abzuspielen. Ich kann mir vorstellen, dass jemand der so aktiv ist schon den Wunsch hat eine agitatorische Wirkung zu erzielen. Wie hilfreich ist dabei das Dasein als Facebook-Kommunist, mit eigener Meme-Seite für deine politische Zielsetzung, stört es vielleicht sogar?“

Lehr antwortet ohne lange zu überlegen in unfassbar schnellen Tempo: „Was die Art von politischem Aktivismus auf Facebook leisten kann, ist, Menschen, die sich politisieren, auf eine dezidiert marxistische Positionierung zu stoßen. Ich glaube, dass es darum geht, die Leute dazu zu bringen, sich von sich aus mehr in marxistische Theorie zu vertiefen, dass sie Marxisten werden und nicht in einem vagen Sinne links bleiben. Ich glaube, das ist schon der Effekt meiner Facebook-Präsenz, dass Menschen, die durch irgendwelche vagen linken oder linksliberalen Bewegungen begonnen haben, sich zu politisieren, merken, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem „Szene-Links-Sein“ und Marxist sein. Sowie beginnen festzustellen, inwiefern und dass sich Marxisten von anderen Linken unterscheiden.“

Auf die Grenzen von Agitation durch social media möchte ich trotzdem eingehen. Er antwortet jetzt sogar noch schneller im monotonen Tonfall aber mit österreichischem Akzent: „Die Grenze ist, – glaube ich – die Menschen zu erreichen, die mit der Linken Szene gar keinen Kontakt haben. Ich glaube, die Leute, die auf Facebook auf mich stoßen, sind zum großem Teil nicht organisierte Linke, aber doch Leute die in irgendeinem weiteren Sinne dem linkem Milieu in einer kulturellen Definition nahestehen, die aus einer Szene kommen, die in irgendeiner Weise als links konnotiert wird, als grün, als alternativ oder linksliberal. Ich glaube, dass es aber selten vorkommt, dass ein Industriearbeiter, der nichts mit der linken Szene zu tun hat, auf meine Facebook-Präsenz stößt“.

Eine etwas traurige Situation für jemanden, der sich selbst als Kommunisten bezeichnet, denke ich mir. Ich will wissen, ob es nicht trotzdem einen partiellen Einfluss auf die Arbeiterklasse gibt.
„Es wäre schön wenn es so wäre. Aber so ist es nicht.“ lässt Lehr mich wissen. „Es ist natürlich die Frage, inwiefern das ein individuelles Verschulden ist oder ob es nicht damit zusammenhängt, dass beispielsweise derzeit eine Phase relativer Stabilität in Deutschland herrscht und es deshalb keine Massenbasis für kommunistische Agitation gibt. Ich glaube, es kann in dieser Phase der Stabilität erst mal nur gelingen, vage Linke zu Kommunisten zu erziehen. Wenn meine Facebook-Präsenz aber den Effekt hätte, dass es im deutschsprachigen Raum zum Beispiel 100 neue Marxisten gäbe, wäre das in der momentanen Situation ja nicht zu verachten.“

Vom Neoliberalen zum Kommunisten – Lehrs ungewöhnlicher Weg

Die wenigstens Menschen, die ich kenne, haben sich über das bloße Bücherstudium politisiert. In der Regel kommen soziale Beziehungen, Musik und kulturelle Zugänge an erster Stelle. Es interessiert mich, wie Fabian Lehr Kommunist wurde.

„Ich war früher ein bürgerlicher Liberaler“, sagt Lehr mit leichtem Grinsen im Gesicht. Es ist kein Scherz von ihm, das wird deutlich als er weiter erzählt: „ Ich habe damals sogar den Irakkrieg mit ziemlich klugen Argumenten befürwortet“. Ich muss daran denken, dass der Irakkrieg damals das Ereignis war, das mich links politisiert hat. Es fällt mir schwer, ihm zu glauben.
„Ich hatte gar kein linkes Umfeld in meiner Kindheit und Jugend“, erklärt er. „Ich bin in einer Industriestadt aufgewachsen. Mein Vater war Industriearbeiter und Betriebsrat. Es gibt in dieser Stadt keine Universität mit linker Subkultur oder einem alternativen Milieu“.

Gegenüber der linken Szene verspürte Lehr sogar eine große Antipathie:„ Die paar Leute, die in meiner Schule links waren, waren überwiegend die Bürgerkinder aus den besseren Vierteln, die angefangen haben in der Antifa aktiv zu werden, um gegen ihre Eltern zu rebellieren. Die Industriearbeiterkinder hatten mit denen nichts zu tun“.
Erst die Lektüre marxistischer Klassiker haben dazu geführt, dass er sich Stück für Stück nach links bewegte und schließlich selber Marxist wurde. „Ich habe damals einen regelrechten Widerwillen verspürt, um mir zuzugestehen, dass die Positionen der von mir bis dahin als für sehr unsympathisch befundenen Linken offensichtlich richtig sind“, so Lehr weiter. Die ersten Kontakte, die Lehr dann mit der linken Szene hatte, waren für ihn auch eher „abstoßend“.

Doch dann begann schließlich Lehrs ungewöhnlicher Weg hin zum Kommunisten: Über das Literaturstudium und völlig frei von realem Kontakt zur organisierten Linken. Später gelangte Lehr nach langem Überlegen schließlich zur Sozialistischen Linkspartei (SLP/ österreichische, trotzkistische Organisation Anm. d. Red.), in der er heute Mitglied ist. „Ich kam damals zum Schluss , dass die SLP die Organisation ist, die meine Positionen am ehesten widerspiegelt und der CWI (ein internationaler, trotzkistischer Dachverband Anm. d. Red.) meinen Vorstellungen am nächsten kommt“.

Die Geschichte aus Sicht des Trotzkisten Lehrs

Dass Lehr Trotzkist ist, dürfte den wenigstens seiner Follower bekannt sein. Er sieht sich auch selbst nicht als Repräsentant einer bestimmten Organisation oder Strömung, vielmehr als eine Art lebender Diskussionsmagnet der gesamten deutschsprachigen Linken.

Da wir unterschiedlichen marxistischen Strömungen angehören, interessiert mich insbesonders, warum er sich ausgerechnet der trotzkistischen Spielart des Marxismus angeschlossen hat.
„Es war einerseits die Begeisterung für den Aufbruch von 1917 und die enorme Leistung, die von der Sowjetunion vollbracht wurde und anderseits die Diskrepanz dazu durch ihre spätere Degenerierung. Daraus resultierte für mich die Frage: war der Zusammenbruch 89/90 ein rein zufälliges Ereignis oder geht er auf Dinge zurück, die bereits Jahrzehnte vorher in der Struktur der SU angelegt waren? Und da kam ich eben durch das Lesen historischer Werke und durch viel Nachdenken zum Schluss, dass die Wurzeln bereits in den 20er Jahren liegen – im Stalinismus. Ein Begriff, den du wahrscheinlich nicht teilen wirst“, fügt Lehr hinzu, womit er Recht hat.

Ich beschließe an dieser Stelle, ihn referieren zu lassen, um seine Positionen besser kennenzulernen. „Der Charakter der Sowjetunion war einer, der sich in seinem ökonomischen Fundament dem Sozialismus erheblich annäherte, war aber zugleich einer, der in seinem politischen Aufbau einer bürokratischen Diktatur entsprach. Das ist etwas, was ihren späten Untergang begründet. Dazu kommt das völlige Scheitern ihrer Außenpolitik“, erklärt Lehr und man merkt, dass er diese Perspektive auf die Geschichte nicht zum ersten Mal beschreibt.

Doch gibt der Brustton der Überzeugung ihm automatisch Recht? Hat die Außenpolitik der Sowjetunion nicht zur jahrzehntelangen Friedenssicherung beigetragen? Jeder der halbwegs bei Verstand ist, muss der Tatsache zustimmen, dass das Ende der Sowjetunion die internationale Kriegsgefahr massiv gesteigert hat. Die USA ignorieren das Völkerrecht und führen einen Interventionskrieg nach dem anderen. Die vielen Toten der deutlich angestiegenen Anzahl von Kriegen und Konflikten nach dem Ende der SU sprechen eine deutliche Sprache.

Lehr erklärt sich das Scheitern der sozialistischen Außenpolitik folgendermaßen: „Eine bürokratische Kaste wie in der SU hat eigentlich kein Interesse daran, dass sich der Sozialismus weltweit ausbreitet. Wer dieser Kaste angehört, will, dass sich die eigene Situation stabilisiert und will nicht in äußere Verwicklungen mit dem kapitalistischem Ausland geraten, die ständig Kriegsgefahr und die Zerstörung der eigenen Position bedeuten. Das Ziel ist dann Frieden mit dem kapitalistischen Ausland und die Erhaltung des Systems“.

Ich reagiere skeptisch, denn waren die Privilegien der sowjetischen Führung oder der „bürokratischen Kaste“ nicht im Vergleich zur Oberschicht im kapitalistischen Ausland geradezu lächerlich? Ich bin mir sicher, dass die sowjetische Führung nicht frei von Korruption war und im Vergleich zum durchschnittlichen sowjetischen Arbeiter gewisse materielle Vorzüge genoss. Aber dass diese Privilegien zu einem Eigeninteresse geführt haben sollen, das die sowjetische Führung dazu bewegte sozialistische-internationalistische Positionen aufzugeben, erscheint mir dann doch nicht plausibel.

Anderseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Sowjetunion – insbesondere unter Stalin – tatsächlich häufig internationale, sozialistische Solidarität für sowjetisch-nationalistisches Eigeninteresse opferte. Es kam es sogar teilweise zum offenen Verrat, wofür Lehr nicht wenige Beispiele bringt: „Im Jahr 1944 war die sowjetische Führung bereit, die griechischen Kommunisten den Westalliierten zu Opfern. Oder 1952: Da gab es die Stalin-Note. Stalin signalisierte die Bereitschaft, die DDR sofort wieder aufzulösen – für ein neutrales Deutschland. Ich glaube Stalin war durchaus bereit dazu, die DDR sofort zu liquidieren und die SED der Zerstörung anheim zu geben, wenn er dafür außenpolitische Ruhe in Mitteleuropa bekommt. Ich glaube, das war durchaus charakteristisch für die Außenpolitik der Sowjetunion, die keine weltrevolutionären Abenteuer, sondern einfach nur ihren eigen Machtbereich erhalten wollte, oder nur dort expandierte wo sie es vollkommen risikofrei tun konnte“.

Die von Lehr kritisierte Außenpolitik liegt letztendlich einer Konzeption zugrunde, die als „Sozialismus in einem Land“ bekannt wurde. Diese ist vermutlich nicht ganz unschuldig an den beschriebenen Fehlentwicklungen. Jedoch muss auch dazu gesagt werden, dass die von der Sowjetunion noch Anfang der 20er Jahre erhofften Revolutionen in Westeuropa ausblieben. Man befand sich in einer isolierten Situation umgeben von Gegnern. Ich frage Lehr, ob diese Taktik nicht fast zwangsläufig notwendig ist, zwischenimperialistische Widersprüche auszunutzen und zunächst auf die Sicherung der eigenen Ökonomie und die Stabilisierung des eigenen Systems statt auf riskanten Revolutionsexport zu setzten. „Temporär schon“, stimmt mir Lehr zu, das sei auch die Position Leo Trotzkis gewesen. „Dieser Sozialismus muss dann zwangsläufig ein Stück weit degenerieren, was zeigt, dass Sozialismus in einem Land langfristig nicht möglich ist“. Laut Lehr hätte die Sowjetunion allerdings in den 20er und 30er Jahren durchaus die Möglichkeit gehabt, revolutionäre Bewegungen zu unterstützen, beispielsweise in England oder in Deutschland 1923. Ein markantes Beispiel ist die verfehlte Chinapolitik in der die SU China zum Bündnis mit bürgerlichen Kräften gezwungen habe.

Wir kommen ins Gespräch über die Massenrepressionen in der Sowjetunion, über die Degeneration von Partei, Ökonomie und sozialistischer Demokratie in der Ära Stalins. Auch in der berühmten Frage „Wie konnte es sein, dass die Sowjetunion 1991 so sang und klanglos unterging, ohne dass die Arbeiterklasse großen Widerstand gegen die kapitalistische Restauration leistete?“, finden wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede und sind uns in mehr Punkten einig, als wir vielleicht vor unserem Gespräch vermutet hätten.

Fabian Lehr – kein unfehlbarer „Meister“

Das Gespräch zeigt mir nicht erst an dieser Stelle, wie wertvoll und bereichernd Gespräche unter Marxisten verschiedener Strömungen sind, auch wenn ich mit Fabian Lehr längst nicht in allem einer Meinung bin. Seine Hardcore-Fanbase erweckt manchmal den Eindruck, er sei der allwissende Ausnahmemarxist. In Facebook-Diskussionen, in denen sich die linke Community nicht einig wird, wird er nicht selten markiert, offenbar in der Hoffnung „der große Meister“ möge den Fall klären und ein analytisches Machtwort sprechen, das keiner weiteren Diskussion, sondern nur noch Applaus bedarf.

Lehr selbst ist da viel bescheidener. Er versucht gar nicht, das über jeden Zweifel erhabene Wesen zu sein, zu dem ihn manche seiner Fans machen wollen. Er zeigt sich häufig von seiner menschlichen Seite. Mal unterhält er die Facebook-Gemeinde mit augenzwinkernden Beiträgen, die seine Hypochondrie zum Thema haben, ein weiteres Mal wird man ausführlich über seine neurotische Flugangst informiert und sehr häufig wird man auch Zeuge von seiner Begeisterung für das Sammeln römischer Münzen. Hier präsentiert er sich manchmal von einer kauzigen Seite, die ihm aber viele Sympathiepunkte bringt.

Wir müssen das Gespräch beenden, denn in 30 Minuten fährt sein Zug nach Wien. Uns fällt auf, dass es noch vieles auszudiskutieren gibt. Wenn ich mal in Wien sein sollte, könne ich gern vorbeikommen. Ein Angebot auf das ich sicher zurückkommen werde.

Das Gespräch mit Fabian Lehr führte Florian Knop im Sommer 2017 . Es wird hier demnächst noch die umfangreiche, vollständige Audiodatei des Gespräches verföffentlicht

Bejarano, Zuckermann u. Becker: Was sind Antideutsche?

Antideutsche behaupten, die einzig richtige Lehre aus der Shoa, dem historisch singulären Großverbrechen der Deutschen an den Juden gezogen zu haben, indem sie die Ideologie und die Politik der israelischen Regierung bedingungslos unterstützen.

„Antideutsche“ gibt es in allen politischen Lagern, viele bezeichnen sich als links. Der Schauspieler und Gewerkschafter Rolf Becker, der Soziologe und Psychoanalytiker Moshe Zuckermann und die Sängerin und Friedensaktivistin Esther Bejarano – ein überlebendes Mitglied des ´Mädchenorchesters` von Auschwitz – analysieren die ausgesprochenen und unausgesprochenen Beweggründe der „Antideutschen“.

In letzter Zeit versuchen sie, Veranstaltungen mit Moshe Zuckermann, der sich für eine Verständigung mit den Palästinensern einsetzt, zu erschweren oder ganz zu verhindern.

Gegenkultur statt (Sub-)Kulturindustrie

Susann Witt-Stahl

Wie ein Schwarzes Loch saugt sich der fortgeschrittene Kapitalismus alles Oppositionelle ein. Er integriert, verstümmelt, neutralisiert. Die von den Ideologemen der westlichen Welt geprägte Kulturindustrie und deren nach dem Prinzip der Standardisierung hergestellten Güter dominieren und kommerzialisieren nahezu das gesamte Kulturleben und verdammen die Menschen zu passiven Konsumenten, die gerade noch die Wahl zwischen Mario Barth und Atze Schröder haben. Aber nicht die Vermarktung von Trivialem und Kitsch − das Hauptproblem ist die massenhafte Produktion von Ideologie zur Verschleierung der sich stetig brutalisierenden Klassenherrschaft an der ökonomischen Basis. Aus gutem Grund wurde diese ausgeklügelte Maschinerie von den Kritischen Theoretikern »Bewusstseinsindustrie« genannt. »Die Ideologie zieht sich aus dem Überbau zurück (wo sie durch ein System dreister Lügen und durch Unsinn ersetzt wird)«, so Herbert Marcuse, »und verkörpert sich in den Gütern und Dienstleistungen der Konsumgesellschaft, die das falsche Bild vom guten Leben aufrechterhalten.«

Diese Entwicklung strebt in der Gegenwart zum Totalitären. Das ist daran erkennbar, dass besonders alle populären Kulturformen, die Züge einer Ästhetik des Widerstands tragen, nahezu ausnahmslos vereinnahmt werden. Was einst dem Arbeiterlied durch den NS-Faschismus zugefügt wurde (vorwiegend durch Kontrafaktur – so mutierte z.B. »unser kleiner Trompeter/ Ein lustiges Rotgardistenblut« zu »unser Sturmführer Wessel/ Ein lustiges Hakenkreuzlerblut«), widerfuhr während des Kalten Krieges dem Rock’n’Roll, später, bereits unter den Vorzeichen des Neoliberalismus, dem Punk, gegenwärtig in perfektionierter Form dem Hip-Hop: Die Musik und Poesie, mit der die Unterklasse ihre Wut aus den Gossen dieser Welt herauskotzte, sind heute zum Wellness-Oasen-Soundtrack der Besserverdienenden verkommen.

Eine zusätzliche Perfidie ist, dass die Subkultur, die diese Entwicklung zu unterminieren vorgibt, meist den rücksichtslosesten Ausverkauf gegenkultureller Bestrebungen vorantreibt: Mit »Zeckenrap«, Fun-Hip-Hop- und Punk ereifern sich »Ema.Li«-Musikanten und -Produzenten ebenso über »heteronormative Übermaskulinität« (Sookee) wie sie ihr Herz durch die prowestliche Revolte von Nationalisten und Neofaschisten auf dem Maidan erwärmen lassen, die sie als »Revolution« (LeijiOne) verklären − während sie imperialistische Kriege mit Schweigen goutieren. Wenn die Antilopen Gang, Slime und Bela B. das »Lied der Partei« parodieren, dann ist das nicht einer – überaus sympathischen − Abneigung gegenüber Untertanen-Mentalität geschuldet. Es ist vielmehr eben gerade Ausdruck dieser und dem aus ihr erwachsenden Bedürfnis, die Sau des antikommunistischen Furor rauszulassen, vor allem auch noch den letzten Gedanken an die befreite Gesellschaft totzuschlagen. Dass nur ja niemals das in seinen Zeilen geforderte »Gute gelingt«, das »den Ärmsten der Erde Freiheit und Frieden erzwingt«.

Was tun – angesichts der Tatsache, dass auch in antikapitalistischen Bewegungen das Gros der Jugendlichen mit dem blinden Konsum neoliberaler Subkultur an seiner eigenen Erniedrigung mitwirkt? Eingedenk Clara Zetkins schon 1911 gestellter treffender Diagnose, das »künstlerische Sehnen« der Ausgebeuteten »wird mit der Kunst ihrer Herren genährt, und die Kunst ihrer Herren ist es, die ihr leidenschaftlicher, künstlerischer Schöpfungsdrang bereichert«, ist schonungslose Ideologiekritik notwendig – bis auch der letzte verwirrte Linke mit der schmerzhaften Wahrheit konfrontiert wird: Es wird nicht nur »gefoltert«, es wird auch durch (Sub-)Kulturindustrie verblendet, »damit die Eigentumsverhältnisse bleiben« (Brecht). »Mode und Attitüde ersetzen Kreativität«, sagte der chilenische Musiker Nicolás Miquea im Interview mit Melodie & Rhythmus über das Linke- Kultur-Milieu in Deutschland. Es meine, ständig beweisen zu müssen, dass es auch »cool und witzig ist«, so Miquea weiter. »Aber politische Kunst, die nur aus Ironie und Attitüde besteht, relativiert ihre Aussage – sofern sie überhaupt eine hat.« Das ist ein zentrales Problem, dem sich die Linke (auch die marxistische) stellen muss: Je mehr sie sich mit Selbstverleugnung dem neoliberalen Zeitgeist anbiedert, desto mehr wird sie ihre welthistorische Agenda verraten: Eine schlagkräftige Fundamentalopposition zum Bestehenden zu formieren. Dazu gehört, sich endlich von Subkulturen zu verabschieden, die servil in der Nische des Zynismus und Weltflucht kauern, und einer angriffslustigen Gegenkultur zum Durchbruch zu verhelfen, die laut und deutlich »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!« fordert. Dabei geht es nicht zuletzt um die Verteidigung der eigenen Würde.

Quelle: http://news.dkp.suhail.uberspace.de/2017/08/gegenkultur-statt-sub-kulturindustrie/

Sehhilfe für das Erste

Von Rüdiger Göbel

Für wen und wozu macht die ARD die »Tagesschau«? Frühere Redakteure geben Einblick in Geschichte und Gegenwart von Manipulation und Meinungsmache

Im Jemen steigt die Zahl der Choleraerkrankungen und -toten dramatisch an, meldete die »Tagesschau« am 20. Juli unter Verweis auf aktuelle Zahlen der UNO. »In dem Land auf der Arabischen Halbinsel tobt seit zwei Jahren ein Bürgerkrieg. Weite Teile der Infrastruktur sind zerstört. Es fehlt an medizinischer Versorgung und sauberem Trinkwasser, was die Ausbreitung der Krankheit beschleunigt.« Es fehle an Medikamenten und medizinischer Ausrüstung in den Krankenhäusern, heißt es im Korrespondentenbericht aus einer Klinik in Sanaa. Eine See- und Luftblockade verhindere den Nachschub. Doch wer hat die verhängt? Wer hungert die Bevölkerung Jemens aus, wer lässt die Kinder des Landes an Cholera sterben? Es wird eben nicht vermeldet, dass Saudi-Arabien für die systematische Zerstörung der jemenitischen Infrastruktur verantwortlich ist. Überhaupt wird die Rolle Riads in dem Krieg nur am Rande erwähnt. Liegt das vielleicht daran, dass die reaktionären Diktatoren am Persischen Golf von der Bundesregierung als wichtige Garanten der Stabilität hofiert und weiter fleißig mit Waffen »Made in Germany« aufgerüstet werden? Die saudische Verantwortung für die jemenitische Katastrophe wird kleingeredet. Zur Erinnerung: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem Besuch im Frühjahr den Truppen des saudischen Herrscherhauses die Ausbildungsertüchtigung durch die Bundeswehr in Aussicht gestellt.

»Wahrheiten halbieren durch schlichtes Verschweigen von Tatsachen ist die einfachste und beliebteste Methode der Meinungsmanipula­tion«, so Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam in ihrem Buch »Die Macht um acht. Der Faktor Tagesschau« über die billige Masche. Und die Autoren fragen: »Wem und wozu dient die Tagesschau: Dem Gebührenzahler, vor allem in den gefährlichen Zeiten von Kriegsgefahr und Krieg, die Chance zu geben, sich anhand einer sachlichen, faktenreichen und gegensätzliche Positionen referierenden Berichterstattung eine Meinung zu bilden, oder aber der jeweiligen Regierung ein Medium zu sein, um ihre Politik als richtig und alternativlos zu verkaufen?«

Abend für Abend informiert die »Tagesschau« 15 Minuten lang über die vorgeblich wichtigsten Ereignisse des Tages – nachdem mit »Börse vor acht« Werbung für die Großindustrie und Hochfinanz gemacht wurde. Die Hauptnachrichtensendung im Ersten um 20 Uhr ist eine Institution. Das »Flaggschiff der ARD« gibt sich als verlässlich, neutral und seriös. In »Die Macht um acht« hinterfragt das Autorentrio diese Selbstzuschreibung präzise und brillant. Das Buch ist informativ wie unterhaltsam. Man merkt der Schreibe an, dass die drei ihr Handwerk als Journalisten gelernt haben. Und: Gellermann, Klinkhammer und Bräutigam erklären nicht nur die Nachrichtenauswahl oder kritisieren die Berichterstattung in zentralen Themenfeldern wie Krieg oder Zerstörung des Sozialstaats, sie verweisen die Leser auch auf das Mittel der Programmbeschwerde. Der Zuschauerprotest sei eine Möglichkeit der demokratischen Auseinandersetzung mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Mehr als 200 solcher Programmbeschwerden haben die Autoren in den vergangenen Jahren verfasst, ein Best-of ist im Buch versammelt. Ihre Bilanz der »Tagesschau«-Langzeitauswertung: »Nach diesen 15 Minuten weiß man, was die Regierung denkt; was die Republik denken soll und was zu denken unter den Tisch fallen kann.«

Und doch geben die Autoren nicht auf. Gellermann betreibt in seinem Blog »Rationalgalerie« unermüdlich Medienkritik vom Feinsten, die früheren NDR-Journalisten Klinkhammer und Bräutigam schicken weiter Programmbeschwerde für Programmbeschwerde an ihre ehemaligen Chefs. In einem aktuellen, an die NDR-Rundfunkräte gerichteten Schreiben wird auf eine wichtige, unterschlagene Meldung verwiesen: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, hat am 30. Juni auf einer Pressekonferenz in Genf mitgeteilt, dass in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereits mindestens 440.000 Syrien-Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückgekehrt seien. Es stehe zu erwarten, dass diese Zahl bis Jahresende auf mehr als eine halbe Million Menschen anwachsen werde. Rückkehr-Schwerpunkte seien die Regionen Aleppo, Hama, Homs und Damaskus. »Nachrichtenagenturen und Rundfunksender, die noch über Restbestände berufsethischer Grundsätze verfügen, informierten selbstverständlich über diese UN-Mitteilung. Beispielsweise die BBC«, so Klinkhammer und Bräutigam. »ARD-aktuell« berichtete nicht. Dabei sei es doch von einigem Interesse, »dass es sich laut UNHCR um freiwillige Rückkehr in die von der syrischen Armee und ihren russischen sowie iranischen Alliierten befreiten Zonen handelt, in Gebiete, aus denen die von der Westlichen Werte-Gemeinschaft bezahlten terroristischen Söldnertruppen und dschihadistischen Mördermilizen von Al-Qaida und IS vertrieben wurden«. Da das Flüchtlingsproblem Syriens monatelang fester Teil der Berichterstattung war, sei es »sachlich nicht gerechtfertigt«, dass über die Angaben der UNHCR in den »ARD-aktuell«-Sendungen sowohl am 1. als auch 2. Juli 2017 »mit keiner Silbe berichtet« wurde.

»Die Macht um acht« ist Aufklärung im besten Sinne und eine eigentlich verschreibungspflichtige Sehhilfe für alle Nachrichtenkonsumenten. Das Drama: Beim ZDF und bei den Privaten ist es nicht besser. Im Gegenteil.

Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer, Volker Bräutigam: Die Macht um acht. Der Faktor Tagesschau. Papyrossa-Verlag, Köln 2017, 172 S., 13,90 Euro

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/315006.sehhilfe-f%C3%BCr-das-erste.html

Tauglich machen für den Arbeitsmarkt

Franz Anger

Zur Neuausgabe von Freerk Huiskens „Erziehung im Kapitalismus“

Um in der Marktwirtschaftsgesellschaft seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, müsse man sich als junger Mensch in den pädagogischen Lehranstalten zu vorsortiertem „Humankapital“ verdinglichen lassen, das die Damen und Herren Unternehmer für die Profitmaximierung mittels Warenproduktion in den unterschiedlichen Berufen vernutzen können.

Das ist die Quintessenz der Schulkritik, die der Bremer Pädagogikprofessor Freerk Huisken in seiner Schrift „Erziehung im Kapitalismus“ detailliert darlegt. Im ersten Teil befasst sich der Autor mit der „Ideologieproduktion“ der Erziehungswissenschaft, die heutzutage im Grunde nicht mehr liefert als theoretische Beschönigungen der pädagogischen Alltagspraxis: Formiert werden soll ein Volk von flexiblen Vermarktern ihres „Humankapitals“, die mit modernen Kompetenzen beziehungsweise Arbeitstugenden ausgestattet und auf „Employability“ (Beschäftigungsfähigkeit) festgelegt sind (S. 49 ff.). Der zweite Teil handelt von den praktischen „Leistungen des bürgerlichen Schulwesens“: Die Schüler(innen) müssen sich unterm Diktat der Note „Funktionswissen“ aneignen, damit sie von marktkonformem Lehrpersonal so selektiert werden können, dass sie künftig in den qualitativ verschiedenen Berufen der Marktwirtschaftsdemokratie funktionieren (S. 188 ff.).
Das Studium des Buches, dessen überarbeitete und erweiterte Neuausgabe kürzlich erschienen ist, könnte zur Verunsicherung der heutzutage üblichen Schulkritik führen. Die kapriziert sich nämlich bislang darauf, die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems anzuprangern: Weil es in den hiesigen Bildungsinstitutionen eine außerordentlich hohe soziale Selektivität gebe, seien Arbeiterkinder an den Hochschulen eine Seltenheit. Infolgedessen komme es zu einem Rekrutierungskreislauf, sodass Menschen, die als Arbeiterkind geboren werden, ihr Leben in der Regel als Arbeiter(in) bestreiten müssen.

Wie unzureichend die Schulkritik der Kämpfer(innen) für Gerechtigkeit ist, zeigt ein Gedankenexperiment: Gesetzt den Fall, Arbeiterkinder würden pädagogisch derart gefördert, dass sie die Bildungsbarrieren des Schulsystems überwinden können und folglich an den Hochschulen nicht mehr signifikant unterrepräsentiert sind – dann wären die bürgerlichen Lehranstalten zwar gerechter, aber immer noch die menschenunfreundliche Zurichtungs- und Selektionsinstanz für die Hierarchie der Berufe. Indem der pädagogische Betrieb die Gleichheit der Chancen böte, setzte er eine rein leistungsmäßig orientierte Auslese im Bildungssystem und ein verallgemeinertes Konkurrieren um den Aufstieg im Beschäftigungssystem ins Werk. Zudem verweist Huisken darauf, dass diese Debatte so alt ist wie die moderne Schule: „Bemerkenswert ist daran, dass die Kritik an fehlender Chancengleichheit und die kritisierte Sache selbst seit Jahrzehnten eine Koexistenz eingegangen sind, die weder die Kritiker groß zu stören scheint noch die Verwalter des Schulsystems zu einschneidenden Veränderungen genötigt hätte“ (S. 427).

Die UZ spießte übrigens unlängst (24.6.2016) das vollmundige Selbstlob der deutschen Bildungsministerin Wanka auf: „Es ist erfreulich, dass sich der Bildungsstand der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert hat. Dazu tragen auch die Flexibilität und Durchlässigkeit des Schulsystems im Hinblick auf höhere Schulabschlüsse bei.“ Der Kommentar wies darauf hin, dass die bildungspolitische Modernisierung mit Einsparungen beim Personal und verschärftem Leistungsdruck im Unterricht einhergehe. Dass sich die jüngsten Etappen der Bildungsreform „nach PISA“ nicht mehr als Ausweitung, sondern als Effektivierung des herrschenden Schulsystems vollziehen, ist Thema im überarbeiteten Schlussteil von Huiskens Publikation (S. 411 ff.).

Da der Forschungsschwerpunkt des mittlerweile im Ruhestand befindlichen Hochschullehrers die „Politische Ökonomie des Ausbildungssektors“ ist, vermag es seine instruktive Studie, die mannigfaltigen Erscheinungsformen des bürgerlichen Schulwesens zu durchdringen, um dessen finalen Ausbildungszweck in der ökonomischen Basis der Gesellschaft zu verorten. Dergestalt gelangt der Autor zu der beunruhigenden Erkenntnis, dass die Schule so lange als große Selektionsmaschine fungieren wird, bis das warenproduzierende Marktwirtschaftssystem überwunden wird. Denn die kapitalistische (Marktwirtschafts-)Gesellschaft ist eine Gesellschaftsformation, in welcher „der Produktionsprozess die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozess bemeistert“ (Karl Marx, MEW 23, S. 95).

Quelle: Unsere Zeit- Ausgabe vom 3. Februar 2017